540 Kilogramm Bronze landen erfolgreich im Kirchturm

Zwei neue Carillon-Konzertglocken für die Illertisser Stadtpfarrkirche – Turmuhrenbauer und Kranführer arbeiten Hand in Hand.

eit 2006 erklingt auf dem Turm der Illertisser Stadtpfarrkirche St. Martin ein Carillon-Konzertglockenspiel. Dreimal täglich ist es zu hören: Jeweils kurz vor und nach dem Stundenschlag um 10 Uhr und 16 Uhr sowie abends nach 20 Uhr spielt eine Automatik Kirchen- und Volkslieder, die zur Jahreszeit passen. Von einem Spieltisch im fünften Stockwerk des Turms wird das Carillon aber auch live bei Führungen und Konzerten gespielt.

Nun hat das Instrument eine bedeutende Erweiterung erfahren: Zu den bisherigen Glocken kommen zwei neue dazu. Sie erklingen in den tiefen Tönen B1 und Es und erweitern so die musikalischen Möglichkeiten besonders im Hinblick auf das Zusammenspiel mit Blasinstrumenten, die meistens in B-Tonarten gestimmt sind (siehe Infokasten). War bisher die schwerste der 49 Glocken rund 300 Kilogramm schwer, so wiegen die neuen 320 und 220 Kilo. Gegossen aus Bronze wurden sie wie alle anderen von der Firma „Koninklijke Eijsbouts“ in der niederländischen Stadt Asten.

Am Pfingstsonntag weihte Stadtpfarrer Dr. Andreas Specker die beiden neuen Klangkörper bei einem feierlichen Gottesdienst. Drei Tage danach mussten die Schwergewichte auf den Turm transportiert werden. Dank exakter Vorberechnungen und mit großem handwerklichen Geschick gelang dies einwandfrei. Die Kirchenverwaltung hatte mit der schwierigen Aufgabe den Turmuhrenbauer Gordian Pechmann aus Meßhofen (Gemeinde Roggenburg) beauftragt, der diese Aufgabe schon anno 2006 mit den anderen 49 Glocken gut bewältigt hatte.

Komplizierte Angelegenheit
Diesmal war die Sache allerdings noch etwas komplizierter, weil es sich bei der größeren der beiden immerhin um die schwerste Glocke des monumentalen Instruments handelt. Trotzdem wollte man diesmal darauf verzichten, so wie im Jahre 2006, Teile der Fensterwandung herauszubrechen, um sie nach dem Einsatz wieder zu vermauern. Deshalb hatten die holländischen Fachleute die Glocke gedrungener und dickwandiger als die bisher größten gegossen. Das hatte die erwünschte Folge, dass der Bronze-Klangkörper vom Außenumfang her kleiner ausfiel.

Wie einst beim „Ulmer Spatz“ sollte die große Glocke waagrecht liegend und der Länge nach durch das Fenster ins Turminnere gezogen werden. „Wir montieren durch die Mitte des Bronzekörpers eine stabile Gewindestange“, erklärten Gordian Pechmann und sein Mitarbeiter Andreas Harder. Die Stange fand im kreisrunden Unterteil der Glocke durch eine stabile Holzplatte Halt und wurde beidseitig so verschraubt, dass
sie an einem Kranhaken befestigt werden konnte.

22 Meter in die Höhe
Nun hängte Kranunternehmer Stefan Joser aus Jedesheim die Glocke waagrecht an seinen Teleskopkran und zog sie 22 Meter hoch bis vor das Fenster im fünften Stock des insgesamt 49 Meter hohen Kirchturms. Dort griffen Pechmann und Harder beherzt zu und es gelang ihnen, wie vorberechnet, den Klangkörper mit nur wenigen Millimetern Seitenabstand zur Wand in den Turm hineinzuziehen und schließlich neben
dem Carillon-Glockenstuhl für die Montage bereitzustellen. „Genau so sollte es laufen“, freute sich Gordian Pechmann.

Bei der kleineren Glocke war der Transport nun kein Problem mehr. Sie wurde senkrecht hängend in die Höhe gezogen und ins Turminnere bugsiert. Dort werden nun beide Glocken im Laufe der kommenden Wochen aufgehängt und in die Spielmechanik des Carillon-Instruments integriert. Beim nächsten Konzert am Sonntag, 21. Juli, wird der Würzburger Carillonneur Dr. Jürgen Buchner erstmals das komplette
erweiterte Instrument erklingen lassen.

Nur wenige Carillons
In Würzburg sowie in Aschaffenburg, in Weilbach (Kreis Miltenberg) und in der Münchner Maria-Hilf-Kirche stehen ebenfalls Carillon-Konzertglockenspiele; somit ist das Illertisser Instrument eines von nur fünf in Bayern. Die Erweiterung mit den zwei neuen Glocken sowie das gesamte seit 2006 klingende Instrument wurde vom Illertisser Ehrenbürger Josef Kränzle aus Mitteln seiner nach ihm benannten Stiftung finanziert und stellt eine Spende an seine Heimatpfarrei und Heimatstadt dar.

Europaweit einmalige Kombination

Technik Das Carillon in St. Martin, Illertissen, wurde schon vor wenigen Monaten mit einer besonderen technischen Neuerung versehen: Es kann nun außer vom Stock-Spieltisch oben im Turm auch von den Orgel-
Manualen und -Pedalen der Orgel auf der Empore der Stadtpfarrkirche fernbedient gespielt werden. Damit der Klang live im Kircheninneren zu hören ist, wurden zwei Aktiv-Lautsprecherboxen auf der Empore
hinter dem Orgelprospekt montiert. So kann der Organist beispielsweise ein Kirchenlied mit dem Carillon einspielen oder auch den Orgelklang mit festlichen Glockentönen ausschmücken. Das Carillon stellt somit ein neues Register auf der Orgel dar. Durch die Erweiterung um die Basstöne B1 und Es bestehen nun weitaus bessere Möglichkeiten, mit Blasinstrumenten zusammen zu musizieren, da diese meist in B-Tonarten klingen. Bisher wurden dazu die Bläser im Brunnenhof der Kirche am Fuß des Turmes platziert, und die Klänge wurden zwischen Turm und Kirchhof gegenseitig per Lautsprecher übertragen. Dazu musste aber  immer eine Sichtverbindung über Kameras und Bildschirme installiert werden, um ein Zusammenspiel überhaupt zu ermöglichen. Nun können ein Blasorchester oder auch eine kleinere Bläsergruppe auf der Empore neben der Orgel Aufstellung nehmen und in direkter Verbindung mit dem Carillonneur am Orgeltisch musizieren. Diese Kombination soll europaweit einmalig sein. Das Konzertpublikum hat somit den Vorteil, das Programm wettersicher im Kircheninneren hören zu können.

Wilhelm Schmid, Illertalbote, 18.06.2019